Thorsten Kamps: „Im Alleingang zu forschen ist unmöglich“

Der Beschleunigerphysiker Thorsten Kamps schlägt Brücken zwischen Forschung und Öffentlichkeit.

Thorsten Kamps

Am liebsten fährt Thorsten Kamps mit dem Fahrrad zur Arbeit. Beim Radfahren ist der Physiker immer in Bewegung, hat frischen Wind und lässt neue Eindrücke auf sich wirken - genauso wie bei seiner Arbeit als Forscher. Für Thorsten Kamps ist Wissenschaft ein Abenteuer mit unzähligen Begegnungen, Projekten und Ideen, für die er andere begeistern will.

Seit 2003 ist Thorsten Kamps am HZB. Zur Zeit arbeitet der Beschleunigungsphysiker an der Realisierung eines Prototyps für einen Linearbeschleuniger mit Energierückgewinnung (Energy Recovery Linarc, ERL). Für die Wissenschaftler kommt es bei der ERL-Technologie vor allem darauf an, kurze, hochbrillante Lichtpulse bei sehr hohen mittleren Strömen zu erzeugen. Dass dies geht, hat weltweit noch niemand experimentell nachgewiesen. Thorsten Kamps Aufgabe dabei: Mit seinem Team entwickelt er eine hochbrilliante Elektronenquelle für den ERL, eine wichtige Schlüsselkomponente. Denn nur wenn die Elektronen definiert von einer Photokathode emittiert werden, können auch die Strahleigenschaften später im Hauptbeschleuniger stimmen. Mit der Arbeit ist das Team schon ein ganzes Stück vorangekommen. „Wir haben mit unseren Photoinjektor-Prototypen einen Elektronenstrahl erzeugt und ihn im HoBiCaT-Labor an der Diagnose-Beamline GunLab getestet. Zurzeit versuchen wir die Strahlparameter besser zu verstehen. Hier passiert unheimlich viel Physik.“ Die gelungenen Tests sind für das Team auch aus einem anderen Grund wichtig: „Wir haben bewiesen, dass wir Ideen nicht nur auf Papier verfolgen. Das hat uns international viel Beachtung gebracht.“

Thorsten Kamps steht heute nicht mehr jeden Tag selbst im Labor. Als Projektmanager schafft er die Voraussetzungen dafür: Er pflegt Kollaborationen, knüpft neue Kontakte und managt die vielen Einzelaufgaben. „Wie jedes Forschungsprojekt ist die Entwicklung der Elektronenquelle hoch komplex. Deshalb arbeiten wir uns schrittweise vor und addieren die Schwierigkeiten“, beschreibt er. Dennoch wähnt sich der Physiker nie in allzu großer Sicherheit: „Gerade wenn Dinge scheinbar auf der Hand liegen, gehen wir wieder alles von Anfang an durch und überlegen: Sind unsere Annahmen korrekt? Oder übersehen wir vielleicht etwas ganz Wichtiges?“

Nicht nur im eigenen Team geht er diese Fragen durch. Thorsten Kamps diskutiert sie auch mit Kollegen aus der ganzen Welt. „Ohne die Perspektive von außen geht Forschen überhaupt nicht. Wenn ich an einer Konferenz teilnehme, halte ich immer Ausschau danach, wer meine Arbeit voranbringen könnte.“ Ins Gespräch mit anderen Forschern kommt der 44-Jährige ohne Anlaufschwierigkeiten; er redet einfach munter darauf los. „Schon während meiner Doktorarbeit habe ich in internationalen Kollaborationen gearbeitet.“
Kurz vor Ende seines Physikstudiums an der Universität Dortmund, wurde der Speicherring DELTA aufgebaut. Thorsten Kamps zögerte nicht, als er das Angebot bekam, seine Diplomarbeit darüber zu schreiben. „Dass ich selbst am Beschleuniger mitschrauben durfte, war einfach Wahnsinn“, erzählt er. „Als ich zum ersten Mal am CERN war, wusste ich: Diese großen Maschinen sind genau mein Ding. Eine Wohnzimmer-Physikapparatur zu entwickeln, wäre nichts für mich.“

Nach dem Studium ging Thorsten Kamps zum DESY nach Zeuthen. Damit betrat er thematisch ein neues Terrain: Er beschäftigte sich mit Linearbeschleuniger und arbeitet im Rahmen einer großen internationalen Kollaboration beim Aufbau einer TESLA Test Facility mit. Kamps erinnert sich: „Nach zwei Wochen stand ich im Büro von meinem Chef: Er bat mich, auf dem anstehenden internationalen Kollaborationstreffen vorzutragen.“ Ein echte Herausforderung damals, aber heute weiß er: „Nur so kommst du in die Community rein.“

Während der Promotion war Kamps viel im Ausland unterwegs, doch er wollte auch einmal richtig „auswärts“ leben. Er ging als PostDoc an die Royal Holloway Universität in London und entwickelte ein neuartiges Strahldiagnosesystem für extrem kleine Strahlquerschnitte für den International Linear Collider (ILC) weiter. London war damals total angesagt, das Einleben in die Millionenmetropole fiel ihm nicht schwer. Nebenbei beschäftigte sich Kamps als DJ und tauchte in die Musikszene der Stadt ein. Drei Jahre später erhielt er ein verlockendes Angebot aus Berlin: Professor Jaeschke suchte Mitarbeiter für eine Studie über einen Freien-Elektronen-Laser bei BESSY. „Es war ein total spannendes Projekt, bei dem wir unheimlich viel gelernt haben. Viele Ergebnisse fließen nun in unser ERL-Konzept ein“, erzählt er. 

Die Beschleunigerwelt ist für Thorsten Kamps, der demnächst zum zweiten Mal Vater wird, wie eine große Gemeinschaft. Er trifft Menschen aus aller Welt, die in der Zwischenzeit für ihn mehr sind als nur Kollegen. Doch ihm ist stets klar: Viele Forscher bleiben lieber hinter verschlossenen Türen. Ihm reicht dies nicht. Irgendwann beginnt er sich zu fragen: „Warum sollten wir nicht Menschen auf der Straße erzählen, was Beschleunigerforscher treiben?“ Als er ein paar gleichgesinnte Menschen kennenlernt, weiß er: „Wir müssen uns raus wagen und was machen.“

2014 organisiert Kamps mit einigen Mitstreitern die Initiative „ScienceEverybody.org“. Er spricht auf der „re:publica“, einem Forum zum Web 2.0, nahm am Science-Tweetup teil und stand begabten Jugendlichen der Deutschen Schülerakademie Rede und Antwort. Kamps ist wichtig, Menschen an der Wissenschaft zu beteiligen, Berührungspunkte zu schaffen. Und ganz nebenbei lebt er ihnen vor: Jeder hat die Chance, etwas zu bewegen. Man muss sie nur nutzen.

Text: Silvia Zerbe (Februar 2015)


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