Ein Physiker aus Novosibirsk

Aleksandr Matveenko kam ans HZB, weil er BerlinPro voranbringen will 

Arbeitet in Berlin, hat in Novosibirsk studiert, ist in der Ukraine geboren: Aleksandr Matveenko. Eine hervorragende Ausbildung und intensives Lernen sind das wichtigste Fundament für eine erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft. 

Dr. Aleksandr Matveenko

Aleksandr Matveenko ist ein sehr zurückhaltender Mann. Seine Geschichte zu erzählen liegt ihm nicht. Er scheint sich fast zu fragen, warum sich jemand dafür interessiert. Aber seine Augen fangen an zu glänzen, wenn er von seiner Wissenschaft zu erzählen beginnt: „Lernen ist für mich das Wichtigste im Leben“, sagt Aleksandr Matveenko: „Und es ist wunderbar, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen, zu lernen und ständig etwas Neues zu entdecken.“ Aleksandr Matveenko arbeitet am HZB als Leiter der Nachwuchsgruppe ERL-Design Simulationen. „Wir modellieren, wie das Beschleunigerprojekt bERLinPro gestaltet werden muss, damit wir die Parameter, die wir anstreben, später auch wirklich erreichen“, erklärt Aleksandr Matveenko die Arbeit, die er mit seinem Team leistet. Dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt ist Beschleunigerphysik; die Mitglieder kommen alle aus Aleksandr Matveenkos zweiter Heimat Novosibirsk, eine Hochburg der russischen Forschung: „Dort gibt es eine intensive Ausbildung im Bereich Beschleunigerphysik“, sagt Aleksandr Matveenko, „und ich konnte ausgezeichnete Leute nach Berlin holen.“

Dass eine hervorragende Ausbildung und intensives Lernen das wichtigste Fundament für einen erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft sind, davon ist er überzeugt. Und davon, dass man in der Wissenschaft keine halben Sachen machen kann. Der Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg begegnet er nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln: „Eine Doktorarbeit kann man nicht mal eben nebenher schreiben. Wissenschaft muss man wichtig nehmen.“

Aleksandr Matveenko stellt an sich und andere sehr große Anforderungen. Die Grundlage für diese Einstellung wurde schon früh gelegt. Geboren wurde er in der ukrainischen Stadt Nowhorod-Siwerskyi. Seine Mutter machte den heute 37-Jährigen zeitig mit dem Lernen vertraut: „Sie hat mit mir nach der Schule immer Rechen- oder Leseübungen gemacht. Das habe ich als sehr schön in Erinnerung.“ Und es sollte auch bald Erfolg zeigen – schulisch und beruflich.

Die ersten sechs Schuljahre verbrachte Aleksandr Matveenko in seiner Geburtsstadt. Im Fach Mathematik erwies er sich als besonders talentiert, was er mit dem ihm eigenen Bescheidenheit beschreibt: „Ich hatte einigen Erfolg bei Mathematik-Olympiaden. Von vier Stufen habe ich drei erfolgreich abgeschlossen.“ Diese Begabung führte ihn dann schon im Alter von 15 Jahren nach Novosibirsk. Dort besuchte er, fast 4000 Kilometer von der Heimat entfernt, ein Internat mit Spezialisierung auf Naturwissenschaften. Für Matveenko eine neue Erfahrung: „Dahin kamen Schüler aus ganz Sibirien, die sich qualifiziert hatten. Vorher war mir das Lernen immer sehr leicht gefallen, aber in Novosibirsk musste ich anfangen, richtig hart zu arbeiten. Das war nicht so einfach wie auf einer normalen Schule.“

Matveenkos ausgezeichneter Schulabschluss war die Qualifikation für die Universität – ohne die sonst übliche Aufnahmeprüfung. Nach dem Grundstudium wählte er zunächst gar nicht Beschleunigerphysik als Spezialisierungsfach, sondern Plasmaphysik: „Wir haben mit Lasern Plasmawolken erzeugt und ionisiert, um sie als Anode einer Ionenstrahlquelle zu nutzen“, sagt Aleksandr Matveenko. Über dieses Projekt kam er Mitte der 1990er Jahre zum ersten Mal nach Deutschland, ans Forschungszentrum Karlsruhe. Dort wurde der Ionenbeschleuniger KALIF (Karlsruhe light ion facility) gebaut; Matveenko verfasste dabei seine Masterarbeit.

Ans Lernen gewöhnt, hatte er sich intensiv auf den Aufenthalt vorbereitet und zwei Jahre lang Deutsch studiert. Eine ernüchternde Erfahrung für den ehrgeizigen Wissenschaftler: „Ich hatte gehofft, mich gut zurecht zu finden. Aber mein Deutsch reichte dafür überhaupt nicht. Im Deutschkurs am Goethe-Institut habe ich dann in einer Woche genauso viel gelernt wie in den zwei Jahren zuvor.“ Seitdem spricht Aleksandr Matveenko konsequent deutsch, wenn er in Deutschland ist – und beherrscht die Sprache mittlerweile nahezu akzentfrei.

Die Sprachkenntnisse waren von Vorteil, als Matveenko 2008 mit seiner Familie nach Berlin kam. Die zentrale Weichenstellung für den Wechsel ans HZB war jedoch ein wissenschaftlicher Kurswechsel nach der Rückkehr aus Karlsruhe nach Novosibirsk: „Ich habe zunächst als Doktorand und Assistenzprofessor an der Universität weiter im Bereich Plasmaphysik gearbeitet. Aber dann wurde mir klar, dass Ionenbeschleuniger als Fusionsreaktor nicht die Zukunft sind, und deshalb auch unsere Experimente mit Anodenplasma immer weniger Bedeutung haben werden. Deshalb habe ich mich in die Beschleunigerphysik eingearbeitet.“ Dazu wechselte er an das Budker-Institut, eine renommierte, außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die bei der russischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist. „Dort kam ich zum ersten Mal mit Energy Recovery Linacs in Kontakt“, sagt Matveenko: „Die erste Ausbaustufe des Energy Recovery Linacs am Budker-Institut war gerade fertig geworden, als ich kam. Ich war an deren Inbetriebnahme beteiligt. Die zweite Ausbaustufe habe ich dann mitgebaut und über „Elektronenstrahldynamik in Energy Recovery Linacsbasierten Freielektronenlaser“ promoviert. Als die zweite Ausbaustufe in Betrieb genommen wurde, ging ich schon nach Berlin.“ Es seien mehrere Gründe gewesen, die ihn nach Berlin zogen, sagt Aleksandr Matveenko – der wichtigste war BERLinPro, obwohl die endgültige Entscheidung für den Bau damals noch nicht gefallen war. Im Rahmen von BERLinPro will er die weltweite erste ERL-Anlage aufbauen, die alle Schlüsselkomponenten einer Photonenquelle enthält. Der Physiker bewies Mut zum kalkulierten Risiko, als er 2008 mit seiner Frau und den drei Kindern in die deutsche Hauptstadt wechselte: „Ich war der festen Überzeugung, dass das HZB den Zuschlag bekommen würde, weil hier das Wissen und die notwendige Erfahrung vorhanden sind.“ Außerdem habe ihn das Konzept BERLinPro von Anfang an überzeugt.
„Die Entscheidung hat sich als richtig erwiesen“, sagt Aleksandr Matveenko. „Wir sind für neue Erfahrungen und Wissen offen. Unser Aufenthalt in Berlin bietet die Gelegenheit, etwas Neues sowohl in wissenschaftlichen, als auch in sprachlichen und kulturellen Bereich zu erleben.“

Autor: Hannes Schlender (Mai 2011)


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